Osnabrücker Theaterlegende Baumgarten gestorben
Montag, den 19. August 2013 um 00:00 Uhr
Hans-Otto Baumgarten Foto: Klaus Lindemannvon Christine Adam, NOZ vom 16. August 2013
Hans-Otto Baumgarten hat die Geschichte des Osnabrücker Theaters seit dem Zweiten Weltkrieg in einer Weise verkörpert wie wohl kaum ein anderer in der Stadt. Bis in die letzte Spielzeit saß er, wie Jahrzehnte lang zuvor, in so gut wie jeder Osnabrücker Premiere, vor allem im Schauspiel, seinem eigentlichen Metier. Und ließ sich weder durch seine starke Sehbehinderung noch durch sein Alter von 92 Jahren davon abhalten, geistig zupackend und leidenschaftlich engagiert am sich wandelnden Theatergeschehen teilzunehmen.
So viel aktive Zeitgenossenschaft bis zum letzten Lebensaugenblick ist eine Seltenheit. Der glänzende Rhetoriker und Literaturkenner rezitierte noch sterbenskrank Rilke-Gedichte und hörte Werke seiner Lieblingsautoren, etwa Robert Musils.
Baumgarten wurde 1921 in Köln geboren. Ein Studium der Germanistik, Romanistik und Philosophie wurde durch Kriegsdienst und Afrika-Feldzug unterbrochen, von dem er schwer verwundet zurückkam. Er setzte sein Studium in Bonn und Marburg fort. Dort begann auch sein Theaterleben: Er absolvierte ohne entsprechende Ausbildung die Eignungsprüfung zum Schauspieler und wurde 1950, dem Startjahr des Theaters am Domhof nach den Provisorien der Kriegs- und Nachkriegszeit, vom Osnabrücker Intendanten Erich Papst ans Osnabrücker Schauspiel engagiert.

Bald spielte er große Charakterrollen wie den „Faust“ oder den „Hamlet“ und inszenierte auch zeitgenössische Stücke selbst. 1954 entdeckte er seinen pädagogischen Eros, wechselte nach einem Lehramtsstudium in den Schuldienst ans „Carolinum“ und ans Graf-Stauffenberg-Gymnasium und arbeitete als Fachleiter für Deutsch am Studienseminar Osnabrück.

Doch auch vielfältigen nebenberuflichen und ehrenamtlichen Verpflichtungen widmete sich Baumgarten seit den 50er-Jahren. So übernahm er den Vorsitz des Osnabrücker Filmclubs und seit 1961 kommissarisch, seit 1981 hauptamtlich den Vorsitz des Osnabrücker Theatervereins. Er gab gemeinsam mit seiner Frau Ingrid Baumgarten Literatur-Kurse an der Volkshochschule und am Bildungshaus Ohrbeck. Er las in privaten Zirkeln neue Dramatik und spendete noch zu seinem 90. Geburtstag privat für das Osnabrücker Kinder und Jugendtheater Oskar.

Im Jahr 2000 wurde er von der Stadt Osnabrück mit der Bürgermedaille ausgezeichnet. Wer ihn und seine Frau erlebt hat, das nie unkritische, aber stets passionierte Nachdenken über Theater oder Literatur aus einem reichen, hoch kultivierten Wissensfundus heraus, der versteht, warum das Osnabrücker Theater seit über 100 Jahren von stark bürgerschaftlichem Engagement durch alle Krisen getragen wurde und wird. Hans-Otto Baumgartens Stimme wird in diesem Chor nun fehlen. Denn: Er ist in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag im Alter von 92 Jahren gestorben.